Projekt:
FRAUEN - LEBEN
17 JAHRE NACH DER POLITISCHEN WENDE


Bärbel-Ute Herre



Ich war immer neugierig auf das Andere.“


Bärbel-Ute Herre, 61 Jahre , Goldschmiedin, Rentnerin, 2 Kinder


Allgemeines

Bärbel H. wurde am 31.03.1945 in Loburg geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Bärbel H. hat von 1961 bis 1964 Goldschmiedin gelernt und war von 1964 bis 1967 in der Schmuckwerkstatt der Hochschule für Kunst und Design an der Burg Giebichenstein Halle tätig.

1981 legte sie ihre Meisterprüfung ab. Dieses war die Voraussetzung für ihre berufliche Selbstständigkeit.

Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete sie in der Künstlergemeinschaft Pfeffermühle Halberstadt und fertigte für den staatlichen Kunsthandel kleine Einzelstücke und Reparaturen für die Bevölkerung an.

Durch ihre Arbeit in der eigenen Werkstatt, die ihr sehr viel Spaß bereite, war es ihr möglich, ihre behinderte Tochter optimal zu betreuen.

Ihre eigenen Erfahrungen sensibilisierten Bärbel H. für soziale Problemfelder, Menschen in Not und ließen sie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung Partei ergreifen.

Ihre politische Heimat fand Bärbel H. in der Vorwendezeit als Gründungsmitglied des Neuen Forums, welches in der Pfeffermühle ins Leben gerufen wurde. Sie engagierte sich, nahm an den Montags-Demos teil und fand einen neuen Freundeskreis, der sie schätzen lernte und mit neuen Aufgaben betraute.


1989 – das Jahr der politischen Wende

Nach der Wende und damit einhergehenden Veränderungen auch in der Sparte der Goldschmiede musste Bärbel H. ihre Selbstständigkeit aufgeben.

Die Auftragslage hatte sich verändert, das Kunsthandwerk war vom Aussterben bedroht, da aus der dritten Welt konkurrenzlos billiger Schmuck auf den Markt kam. In den nächsten Jahren unterstützte Bärbel H. ihren Mann bei größeren Aufträgen u.a. bei der Restaurierung von Altargeräten und den Turmkugeln vom Dom.

Bärbel H. ist eine offene, aktive, warmherzige und kontaktfreudige Frau, die aufgrund der veränderten beruflichen Situation eine neue Herausforderung suchte. Sie verfolgte das politische Geschehen in Halberstadt aufmerksam und wurde mit den Problemen der Ausländerbetreuung in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZAST) konfrontiert.

Was macht ein Außenstehender in dieser Situation?

Zuschauen, wegsehen oder helfen? Bärbel H. hat sich für letzteres entschieden.

Ihr lagen besonders die Kinder der AsylbewerberInnen am Herzen. Ihr Eindruck war, dass es leichter war Zugang zu den Kindern zu finden als zu den Erwachsenen.

Ihr Herz schlug für diese Kinder und sie versuchte in den kommenden Jahren ihnen den Alltag in der ZAST lebenswerter und freudvoller zu gestalten.

Bärbel H. schöpfte alle Möglichkeiten der Unterstützung für ihr Anliegen aus, um ihren kleinen Schützlingen Freude zu bereiten, sie zu integrieren und Sprachbarrieren abzubauen.

Als der Zustrom der AsylbewerberInnen nachließ und weniger Kinder in der ZAST lebten, übertrug sie ihre Fürsorge auf die ausländischen Familien. Sie hielt engen persönlichen Kontakt, leistete praktische Hilfe und wurde zur Vertrauten der alleinstehenden Frauen mit Kindern.

In den weiteren Jahren dehnte Bärbel H. ihr Engagement auf die damals ins Leben gerufenen Roma-Projekte aus. Auch hier besuchte und inszenierte sie Veranstaltungen und Projekte mit Kindern und Jugendlichen, um sie vor Ausgrenzung und Diskriminierung zu bewahren.

Selbst heute kurz vor der Altersrente liegt Bärbel H. ihr Einsatz und ihr persönlicher Kontakt zu den Menschen, die ihren beruflichen Weg kreuzten, sehr am Herzen. Sie unterstützt auch weiterhin ehrenamtlich ausländische Familien. Auf diesem Weg erfährt Bärbel H. Dank, Anerkennung und Zuneigung, welche ihr Leben bereichern.


Wünsche für die Zukunft

Bärbel H. wünscht sich, dass sie offen bleibt für alle Lebensfragen, am aktiven Geschehen teilnimmt und sich weiterhin für benachteiligte Menschen interessiert und engagiert.

Für Bärbel H. stand in den 17 Jahren nach der Wende besonders die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft im Mittelpunkt ihres Wirkens.

Frauen müssen lernen mit den Lebensumständen fertig zu werden.

Aus ihrer Sicht versteht sich der UFV mit seinem Frauenzentrum Lilith als Anlaufpunkt für Frauen, die Hilfe und Unterstützung benötigen. Es bietet ihnen vielfältige Angebote und Geselligkeit im Rahmen Gleichgesinnter, stärkt das Selbstwertgefühl und bietet Unterstützung in allen Lebensfragen.

Das Anliegen von Bärbel H. ist es, ihre Mitmenschen zu motivieren sich nicht vor den Problemen und der Not anderer zu verschließen, sondern einfühlsame und warmherzige Unterstützung zu geben.