Projekt:
FRAUEN - LEBEN
17 JAHRE NACH DER POLITISCHEN WENDE


Schwester Ursel



Solange der Herr Gott mir die Kraft gibt, will ich auch für die Frauen kämpfen, ob jung oder alt“.


Ursula Sommer, 80 Jahre alt, Stadtschwester in Halberstadt


Allgemeines

Hinter dem Namen Schwester Ursel verbirgt sich viel mehr als die Person Ursula S. die am 08.08.1926 in Dessau geboren wurde.

Von 1944 bis 1946 im Diakonischen Mutterhaus in Dessau ausgebildet, setzte sie bis 1970 im Diakonischen Mutterhaus Cecilienstift Halberstadt ihre ganze Kraft für die Hospizarbeit, Begleitung Schwerstkranker und Sterbender ein.

1970 wurde sie Gemeindeschwester in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis und trat gleichzeitig der Evangelischen Schwesternschaft bei.

Ende der siebziger Jahre wechselte sie zum staatlichen Gesundheitswesen und war bis zu ihrer Pensionierung Stadtschwester in Halberstadt. In diesen fast 30 Jahren arbeitete sie eng mit den Sozialstationen und Ärzten zusammen.

Ihr Engagement ging weit über ihre Tätigkeit als Stadtschwester hinaus. Bereits zu DDR-Zeiten trat sie dem Demokratischen Frauenbund bei, wechselte nach der Wende als Vertreterin Sachsen-Anhalts in den Frauenrat. Schwerpunkte ihres politischen Einsatzes waren die Themen: „Aids“, „Hospizbewegung“ und „Kinderschutzbund“.


1989 – das Jahr der politischen Wende

Das Jahr 1989 erlebte Schwester Ursel als starken Umbruch für ihr berufliches Wirken. Es erfolgten einschneidende Maßnahmen gerade im Bereich des Gesundheitswesens:

  • die Gemeindeschwestern auf den Dörfern wurden abgeschafft,

  • viele Landarztpraxen wurden geschlossen,

  • die Mütterberatungsstellen gingen in die Hand von Gynäkologen über,

  • zentrale Lungenuntersuchungen und betriebsärztliche Betreuung wurden eingestellt,

  • die Bezahlung der gesundheitlichen Leistungen und die staatliche Fürsorge änderte sich gravierend, Medikamentenzuzahlungen, Eigenverantwortlichkeit für Impfschutz und Beantragung von Pflegestufen stellten für viele Menschen eine große Herausforderung dar

Ihr Mitgefühl galt besonders den Menschen die mit der veränderten Situation überfordert waren. Eine Aussage von Schwester Ursel war:

Wenn du arm bist, musst du früher sterben“.

Der Vereinigung stand Schwester Ursel positiv gegenüber, hätte sich aber gewünscht, dass viele bewährte soziale Errungenschaften übernommen worden wären, wie z.B. Krippen- und Kindergartenbetreuung, Schulspeisung uvm.

Schwester Ursel ist eine couragierte Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Sie tritt in der Öffentlichkeit konsequent auf und kritisiert Unzulänglichkeiten und Missstände, so engagierte sie sich z.B. für die Abschaffung des § 218. Der § 218 wäre gar nicht nötig, wenn für die Zukunft von Müttern und Kindern besser gesorgt wäre.

Die politische Veränderung bewirkte, dass sie noch freier und offener ihre Standpunkte vertrat. Im Frauenrat und anderen öffentlichen Veranstaltungen tritt sie noch heute auf und ergreift Partei.


Wünsche für die Zukunft

Zitat: „Ich würde mir wünschen, dass die Welt besser wird, ohne Krieg, ohne Korruption. Dass die Welt wieder ein bisschen wärmer wird und dass der Reichtum besser verteilt wird“.

In ihrem Alltag begegnet Schwester Ursel Alters- und Kindesarmut im Land. Dies bewegt und erschüttert sie sehr, war doch ihr ganzes Leben davon geprägt für alle Menschen ein lebenswürdiges Umfeld zu schaffen.

Dieses stille engagierte Tun zum Wohle der Menschen Halberstadts wurde durch die Verleihung der Ehrenbürgerschaft anerkannt.

Ihre Kraft für ihr permanentes Wirken schöpft Schwester Ursel einmal aus dem Gebet, ihrer Evangelischen Schwestern- und Bruderschaft, aus der Dankbarkeit der Menschen und der Anerkennung ihrer Leistungen.

Besonders Frauen liegen Schwester Ursel am Herzen. Sie hat eine langjährige Beziehung zum Frauenzentrum und verfolgt alle Geschehnisse aufmerksam.

Ihr Wunsch ist es:

Frauen werdet mutiger, wehrt euch, steht mehr zusammen, sagt offen eure Meinung und verändert die Welt“.

Eine ältere rüstige Dame in Schwesterntracht begegnet uns auch heute im Stadtbild von Halberstadt. Immer in Eile, geistig fit und vital betreut sie ehrenamtlich Kranke und sterbende Menschen.


Wir wünschen ihr und uns, dass sie noch lange die Kraft besitzt mutig und kämpferisch ihr Lebenswerk fortzusetzen.